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Selbst 1980

Für Rolf Kuhrt steht seit Ende der 70er Jahre die Zeichnung im Vordergrund seines künstlerischen Schaffens. In der Thematik und in der Ausdrucksform seiner Holzschnitte ist der Lehrer Mattheuer deutlich zu erkennen; in der expressiven Herangehensweise und in der Intention der Zeichnung gibt es Gemeinsamkeiten mit seinem Mentor Bernhard Heisig. Bezeichnend für Kuhrt, wie auch Heisig, ist eine kritische Nachdenklichkeit über die Zeitverhältnisse, sowie ein beinahe kämpferischer Glaube an die Humanität. In der Kunst Rolf Kuhrts tauchen immer wieder Grundmuster menschlichen Verhaltens auf, aufgezeigt an einzelnen Märtyrergestalten, die vor allem der Mythologie entnommen sind: Kassandra, Hekabe, Hiob, Laokoon. Es sind durchweg Figuren, die sich gegen ein von außen auferlegtes Schicksal wehren; dabei wird die Sehergestalt Kassandra oft selbst zum Opfer. Rolf Kuhrt schleudert förmlich seine Emotionen durch die Zeichnung heraus, ja, es gelingt ihm sogar, das Pathos und die Verzweiflung der Gedemütigsten oder der sich Wehrenden - ähnlich wie Munchs »Schrei« - sinnlich spürbar zu vermitteln. Kuhrt bleibt jedoch nicht der Mythologie verhaftet, sondern nimmt sie als Mittel, um menschliche Verhaltensweisen bloßzustellen.
Es ist der kräftige, mit einer Unmittelbarkeit auf-getragene Kohlestrich, der zum Ausdrucksträger seiner Botschaften wird. Dabei können stark vernetzte Gebilde entstehen, wobei das hervor-stehende Weiß des Blattes die Dynamik des Lineaments nur noch unterstreicht.
Dass Kuhrt nie losgelöst vom Zeitgeschehen arbeitet, zeigen auch die jüngsten Blätter, in denen er politische Ereignisse zum Anlaß nimmt, um Allgemeingültigeres zu formulieren. Gerade weil Kuhrt keine konkreten erzählerischen Attribute lie-fert, sind diese Blätter gleichzeitig wie Kassandra-rufe einer sich auf lösenden Gesellschaftsordnung zu deuten. Desweiteren ist Kuhrt ebenso zeitnah und direkt in der allegorischen Formulierung des Zeitgeschehens, wenn er Todessymbolik und das Kreuzmotiv immer häufiger auftauchen läßt. Nicht nur der Tod eines Menschen, sondern Ende und Anfang einer Epoche werden visualisiert, so in den Blättern »Tod eines Radfahrers« und »Befragung«. Gleichzeitig ist das kämpferische Element, das Kuhrt bereits 1979 in dem Blatt »Laokoon« mit dem Durchbruch der Mauer eindringlich dargestellt hat, nun der Figur des Kauernden, des sich Ab- und Einschließenden gewichen. Eine Rückbesinnung vor dem Neubeginn.

Inge Ludescher

Auszug aus dem Vorwort zum Katalog: Zeichner 2